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Webster's Online Dictionary

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Archive for May, 1992

Morgens. Endlich ist er fertig, der Blitz. Du auch. Elf Seiten redaktionelle Arbeit, ein Inserat. Und in vier Stunden holt der Drucker die Vorlagen. Druckfehler siehst du eh seit drei Stunden keine mehr, bleibt noch das Editorial. Wieder einmal hat die harte Realität die Ideale eingeholt. Überholt. Schließlich hast du deinen Ehrgeiz. Und wozu wärst du sonst “Editor in charge”. Leitartikel und Aufreißer. Morgens um drei? Wie willst du da noch irgendwen irgendwie irgendwo aufreißen? Mit irgendwelchen faden Textlein. Zum Glück hat sich der Inhalt gewaschen. Denn der Blitz soll ja weh tun. Entweder dem Leser - wie heute. Oder dir - wenn du dir alle Artikel selbst aus dem Daumen saugst. Doch heute: Glück gehabt.

Danke Gott - und allen Textern!

Als Gott an jenem sechsten Tage die Welt erschaffen hatte und sich sinnend über das große Werk in seinen güldenen Thron zurücklehnte, sah er, daß es gut war: Er könnte sich getrost zur Ruhe setzen. Doch kaum war eine Zigarre angebrannt, der heilige Petrus, der damals noch gar nicht heilig war, zum Golf geladen (vielleicht würfelten sie auch nur, wer weiß), begannen Adam, Eva und die Schlange - niemand wollte es zum Schluß gewesen sein - das einzige Verbot, das Gott gesetzt, zu übertreten. Für einen solchen Sündenfall gerüstet - denn ER sieht für die Pannen vor - verbannte er die Ahnen unseres Geschlechts aus seinem Paradies. Nicht ohne ihnen einen Auftrag mitzugeben: seid fruchtbar und mehret euch. Und seither rackert sich die Menschheit ab, vermehrt sich, baut Äcker, Häuser, Banken, Polizeipräsidien. Und macht fortan Gesetze selbst: einmal, um sich vor Dieben, Bösewichten selbst zu schützen, ein andermal die Gauner vor der Willkür der (eigens dafür geschaffenen) Jusitia.

Doch - wie bereits schon biblisch zu berichten ist - ersinnt der Mensch sich neue, irdische Genüsse: Noah gilt zu Recht als erster Winzer der Geschichte, das Rauchen wird sich bald als weitverbreiteter Genuß gefunden haben. Und das mit den Frauen - hat uns Gott befohlen.

Jedoch, im Lauf der Zeit, - und wir wollen jetzt mal von der Kirche gehörig absehen - finden sich bald hier, bald dort, bald überall griese Zeitgenossen, die uns die kleinen Freuden unseres Erdendaseins wohl mißgönnen. Früher nannte man sie Temperenzler. Und achtete nicht darauf. Doch heute: trink du mal ein, zwei Bier, nach Feierabend oder so - schon bald bist du ein Alkoholiker, suchtkrank. Und gesellschaftlich dazu verdammt, an Leberzirrhose zu verrecken. Keinen Deut besser soll’s den Rauchern gehen: Lungenkrebs heißt das Verdikt. Und bald schon ist Rauchen allüberall verboten. Die Freude an den Frauen nehmen uns Aids und Emanzen im Verein.

Ein Glück, gibt’s da die Modeschöpfer, die diesen Sommer - Leggings propagierten. Und im Winter soll’s im gleichen Stile weitergehen. Doch halt (der Doktor hebt den Zeigefinger): Allergien auf Textilfarben, gefördert durch die eng anliegenden Kleider, sollen diesem Lichtblick schnell und schmerzhaft ein Ende bereiten; aus ist’s mit der Lust auf lange Beine…

Die Schweiz besitzt - Gott sei’s gedankt - ein Parlament, das nun zum nächsten Jahr die Spielclubs wieder dulden will. So hat der Schweizer doch noch eine Freude - und nützt dabei ganz insgeheim der Rüstung und - vielleicht - der AHV.

Da, wo sich heute kunstbegeisterte Dämchen und Herrlein ab und an zu Schampus und Whiskey ein smalltalkendes Stelldichein geben, umrahmt von den grauslichsten Exponaten moderner Kult- und Kulturprodukte, tummelten sich früher mal die kunstbeflissenen Eleven der staatlich-preußischen Kunstakademie. Die Säle rund um dieses Museums-Café - so laß’ ich mir den Zeisig weitererzählen - müssen sich also allerlei Scheußlichkeiten gewohnt sein; ganz zu schweigen von alledem, was diese Mauern wohl zu Gesicht bekommen haben - hier nimmt er einen tiefen Schluck und wird ganz ernst, kriegt Furchen auf der Stirn, und ich muß mich tummeln, ihn sein Glas leeren zu lassen, um es gleich wieder zu füllen, eh’ er mir unter der Feder sozusagen verblaßt: was diese Mauern im Reich zu sehen bekommen haben… von diesen Scheußlichkeiten wollen wir ganz schweigen.

Und wie um ernst zu machen mit dem Schweigen, wendet der Zeisig sich halb ab und blickt betrüblich auf einen Punkt, irgendwo drüben, an der andern Seite des Innenhofs. So laß’ ich mich mein Glas erheben: Wir wollen doch, so laß’ ich mich sagen, trinken auf die Errungenschaften der modernen Kultur.

Ja, trinken wir. Trinken wir auf diese neuen Verfehlungen menschlichen Geistes, der Zeisig: Die kosten keine Menschenleben, und es ist jedem freigestellt, ob er si sich zu Gemüte führen will. Doch laß’ er’s lieber bleiben, halb spöttisch zu mir: Diese Mutterstadt, Metropolis - früher durfte man noch Bilder malen, Skulpturen schlagen. Heute muß es immer gleich eine Installation sein, Happening mit Weingläsern und gelockten Korkenziehern. Und früher hatten die Produkte noch einen Namen: Mondlandschaft, kniender Mönch in Talaue. Singender Akt. Heute: eine drei Stockwerk hohe Kunststoffpuppe, wackelt andauernd mit dem Knie. An den Titel mag ich mich nicht erinnern. Umso mehr an jenen fantasievollen Raum im zweiten Geschoß. Sieht aus wie nach dem Krieg im Wachsfigurenkabinett. In der einen Ecke liegt ein abgetrennter Männerarm, hier hängt ein Torso, da ein Hintern - mit Notenlinien drauf. Alle drei: Kunstobjekte. Und kleine, weiße Schildchen verkünden: “Ohne Titel (Arm)”. Das zweite: “Ohne Titel (großer Torso)”, das dritte - “Ohne Titel (Hintern)”. Ja, es scheint so…

Was ich ihm genau erwidern sollte, war mir nicht recht klar - ich hatte die Dinger auch gesehen,

… doch noch besser wird’s - ein weiteres Glas unterstrich die Aussage - im Raum gleich nebenan. An der Tür ein geöffnetes Maschengittertor mit der bekannten gelben Plakette “high voltage - Lebensgefahr”. So spannend war’s dann auch wieder nicht: drinnen aus Baugerüst sowas wie ein Boxring aufgebaut, an den Wänden große, weiße Tafeln mit der Aufschrift “run” (dreimal) und “dog” (einmal). Und in einer Ecke des Raums in höchstens typographisch außergewöhnlicher Aufmachung: “why must I feel like that why must I chase this cat”. Und hier steht zu lesen: “(Titel nicht verfügbar)”.

Der Zeisig bemühte sich, Haltung zu bewahren, ein weiteres Glas wurde eingegossen, in einem Zug geleert und mit hellem Ton auf den schlanken Marmortisch geknallt. Wenn sich die eben nicht auf einen Namen einigen können, würde er sich der Musik zuwenden. Wer denn heut’ abend…?

Ich wagte es kaum zu flüstern: das Streichquartett “sine nomine”.

Das war zuviel, und nur noch der schale Geschmack des teuren Whiskey blieb zurück von Zeisig.