Archive for May, 1992
Sie kennen sich wohl, sagte der Zeisig. Besonders Jean, ein Winzling zwar, aber hart im Geben und zäh wie -
Welcher Jean, fragte ich dazwischen.
Der Zeisig: Sie haben noch nie Bekanntschaft gemacht mit ihm? Jean, Jean Hai ist , ja, er ist schon lange im Geschäft, Vorsitzender, seit dreien Jahren. Herr über Heerscharen aufrechter Mitglieder der Gesellschaft. Aber – und da tat der Zeisig einen tiefen Seufzer – aber auch er wird seinen Meister finden. Obwohl er ja im Grunde ein Menschenfreund ist. Ja, er liebt die Menschen -
Moment mal, warf ich ein, Sie sagen, er sei ein Menschenfreund. Sind Sie sich dessen so sicher – ich meine: …
Und ob ich mir dessen sicher bin, darauf der Zeisig! Hab ich nicht neulich mit ihm zusammengesessen? Hab ich nicht neulich mich mit ihm und allen seinen Freunden über die Freundschaft und die Freundschaft der Menschen im speziellen unterhalten? Bin ich nicht selbst ein rührendes Beispiel rührender Menschenfreundlichkeit?
Der Zeisig wurde ganz blaß vor Erregung, und wie er zu verschwinden drohte, hob ich gleich mein Glas, die Herren zu versöhnen und auf die Menschenfreundschaft des Herrn Hai anzustoßen zu lassen.
Der Zeisig tat dem Whisky ein Seines und hub an: Es ist tragisch, mein lieber Freund. Da sind so viele liebe Kerle, Streicher, Stadtstreicher, Landstreicher, die ich lieb gewonnen habe. Und ihr, ihr Menschen, ihr wißt nichts Besseres, als sie zu therapieren, sprich: zu vernichten. Zum Beispiel der goldgelockte Staphylococcus aureus. Schlimmstenfalls, wenn’s wirklich dumm gehen muß, strapaziert er eure Kieferhölen und Mittelohren. Oder der Salmonella choleraesius, der gar nichts mit Cholera zu tun hat, sondern nur etwas – man verzeihe mir die Untertreibung – typhöse Salmonellose bewirkt; die Shizella dysenteriae (bakterielle Ruhr, in Klammern anzufügen), – der Zeisig kam langsam in Fahrt – die Yersinia pestis, die den Menschen nichts weniger als die legendäre Pest gebracht hat. Wieviele Werke der Kultur wären nicht entstanden, ohne sie! Bakterien! Auch sie wollen nur leben. Was wißt ihr Menschen vom Lauf der Welt? Gerade soviel, uns zu vernichten. Und dazu verschleudert ihr Millionen und Millionen von eurem Geld, das euch doch so lieb ist. Nur -
Moment, mein lieber Zeisig, da mußte ich ihn unterbrechen, Sie müssen doch bedenken, daß für uns Menschen diese lieben Tierchen, wie Sie zu sagen pflegen, durchaus im wesentlichen unangenehme Folgen haben. Oder haben Sie Freude daran, wenn wir uns an Pest und Cholera zu Tode vergiften – aus einer verfehlten tierschützerischen Haltung heraus? Nur weil Sie diese Bakterien und Viren am Leben erhalten möchten? Und – bevor Sie mir ins Wort fallen – bedenken Sie: auch Sie würden nicht existieren, wenn es uns nicht gäbe. Sie wären nie geboren worden, und Sie würden auch nie ans Tageslicht treten!
Das stimmte den Zeisig traurig, sehr traurig. Er wurde ganz bleich und durchsichtig, und eh ich mich versah, war er in der Whisky-Flasche verschwunden, woher er gekommen war. Und kein noch so kräftiger Schluck mochte ihn wieder hervorlocken.
Er würde jetzt in der Zeitung eine Annonce aufgeben – oder noch besser ein richtiges, ganzseitiges, vierfarbiges Inserat. Schluß mit dem kleingewerblichen Dasein, es müsse endlich vorwärts – und vor allem: aufwärts gehen. Womit denn, wagte ich mich zu erkundigen, gleichzeitig wenigstens mit Mim- und Gestik mich entschuldigend, daß ich es überhaupt mir anmaßte, noch zu fragen, denn mein ziemlich guter Freund pflegt die Maxime, nichts zweimal zu erzählen, wenigstens nicht am gleichen Abend, zumindest nicht am gleichen Tisch, jedenfalls nicht bei der gleichen Flasche. Und da die erste, oder, was dasselbe sein könnte, den Sachverhalt mit großer Wahrscheinlichkeit aber besser traf, die letzte bereits so viel wie leer war, ließ sich schnell eine nächste hinzustellen, womit Zeisigs Maxime fürs erste Genüge getan war, so daß er anhub, erst das Glas, dann zu sprechen:
Ob es mir denn nicht auch aufgefallen sei; je mehr sich Psych- und Soziologen mit dem Thema beschäftigen würden, umso weniger sei Kommunikation noch existent in unserer Gesellschaft. Je mehr Technologie sie erleichtere, umso weniger sprächen die Leute noch miteinander. Ja es sei sogar schon so weit gekommen, daß er einen ganzen Abend mit sich und seinem Spiegelbild habe verbringen müssen. Und wie um es zu erhalten, schenkte er nach. Darum habe er also ein Geschäft gegründet, eine Firma. Er zei zum Unternehmer avanciert. Doh handle er nciht mit materiellen Gütern. Er bringe den Leuten das zurück, was sie mehr und mehr verlören dank der Bemühungen der Techniker und der Sorge der Psychologen. Er handle sozusagen mit Kommunikation.
An dieser Stelle muß ich wohl dem Zeisig etwas zu aufmunternd zugetrunken haben. Denn die Kommunikation der nächsten eineinhalb Stunden bestand in einer mittelschweren Vorlesung des Zeisigs über sein Tarifsystem, das er in stundenlangen Auseinandersetzungen mit sich selbst und Jakob Daniels entworfen hatte.
Leider ist mir davon nicht sehr viel geblieben, weshalb ich darauf verzichte, all die Einzelheiten wiederzugeben, wie Zeisig seine Kunden in Klassen einteile, deren primäres Unterscheidungsmerkmal die Quersumme der Buchstaben im Vornamen der Klienten sei, wozu er eine geigene, neue Algebra hätte kreieren müssen, denn es sei nicht möglich, die Buchstaben, so der Zeisig, mit herkömmlichen Mitteln korrekt quer zu summieren, so daß die Patienten – er wurde immer eifriger in den Bezeichnungen – auch in die richtigen Klassen eingeordnet würden, wohingegen, was mir zwar noch viel weniger einleuchtete, doch das sei gerade die Absicht dabei, wie mir der Zeisig versicherte, das zweite Kriterium streng medizinisch zu handhaben sei – er beurteile seine Kunden nach ihrer Farbfehlsichtigkeit. So könne er schließlich für jede Person das geeignete Kommunikationsprofil entwickeln und die richtigen Dienstleistungen anbieten.
Unterdessen bei der übernächsten Flasche angelangt, setzte er mir sein Spezialgebiet auseinander und dozierte, welche Vorteile runde Ecktische gegenüber eckigen Ecktischen mit runden Hockern hätten, und welchen Einfluß die Dicke des Tischblattes auf die Stimulation des Gesprächsverlaufs habe.
Mag es am Tischblatt gelegen haben, an den Sitzgelegenheiten, oder einfach am Einfluß des gülden schimmernden Getränks – die weiteren Differenzierungen der Marketingstrategie, der Produkt-Markt-Kombination und gar die Unique Selling Proposition des Zeisig zu rekonstruieren will mir nicht gelingen, so sehr ich meinen Kopf auch martere – wo er doch gemartert genug schon ist.
Einzig des Zeisigs Schlußsatz ist mir in Erinnerung beblieben, dass er nämlich jetzt ein Inserat aufgeben würde, viskiyim in großen roten Lettern drauf geschrieben, welch seltsames Wort mir seither im Kopfe geistert, ohne einen Sinn zu machen. Noch zwei, drei, viermal wiederholte er das Wort – und dann war er mit einem Mal verschwunden, eingegangen in der Geist der Flasche, aus der er entstieg.



