Author Archive for P. I. Lazoff Archive Page 2
Er würde jetzt in der Zeitung eine Annonce aufgeben – oder noch besser ein richtiges, ganzseitiges, vierfarbiges Inserat. Schluß mit dem kleingewerblichen Dasein, es müsse endlich vorwärts – und vor allem: aufwärts gehen. Womit denn, wagte ich mich zu erkundigen, gleichzeitig wenigstens mit Mim- und Gestik mich entschuldigend, daß ich es überhaupt mir anmaßte, noch zu fragen, denn mein ziemlich guter Freund pflegt die Maxime, nichts zweimal zu erzählen, wenigstens nicht am gleichen Abend, zumindest nicht am gleichen Tisch, jedenfalls nicht bei der gleichen Flasche. Und da die erste, oder, was dasselbe sein könnte, den Sachverhalt mit großer Wahrscheinlichkeit aber besser traf, die letzte bereits so viel wie leer war, ließ sich schnell eine nächste hinzustellen, womit Zeisigs Maxime fürs erste Genüge getan war, so daß er anhub, erst das Glas, dann zu sprechen:
Ob es mir denn nicht auch aufgefallen sei; je mehr sich Psych- und Soziologen mit dem Thema beschäftigen würden, umso weniger sei Kommunikation noch existent in unserer Gesellschaft. Je mehr Technologie sie erleichtere, umso weniger sprächen die Leute noch miteinander. Ja es sei sogar schon so weit gekommen, daß er einen ganzen Abend mit sich und seinem Spiegelbild habe verbringen müssen. Und wie um es zu erhalten, schenkte er nach. Darum habe er also ein Geschäft gegründet, eine Firma. Er zei zum Unternehmer avanciert. Doh handle er nciht mit materiellen Gütern. Er bringe den Leuten das zurück, was sie mehr und mehr verlören dank der Bemühungen der Techniker und der Sorge der Psychologen. Er handle sozusagen mit Kommunikation.
An dieser Stelle muß ich wohl dem Zeisig etwas zu aufmunternd zugetrunken haben. Denn die Kommunikation der nächsten eineinhalb Stunden bestand in einer mittelschweren Vorlesung des Zeisigs über sein Tarifsystem, das er in stundenlangen Auseinandersetzungen mit sich selbst und Jakob Daniels entworfen hatte.
Leider ist mir davon nicht sehr viel geblieben, weshalb ich darauf verzichte, all die Einzelheiten wiederzugeben, wie Zeisig seine Kunden in Klassen einteile, deren primäres Unterscheidungsmerkmal die Quersumme der Buchstaben im Vornamen der Klienten sei, wozu er eine geigene, neue Algebra hätte kreieren müssen, denn es sei nicht möglich, die Buchstaben, so der Zeisig, mit herkömmlichen Mitteln korrekt quer zu summieren, so daß die Patienten – er wurde immer eifriger in den Bezeichnungen – auch in die richtigen Klassen eingeordnet würden, wohingegen, was mir zwar noch viel weniger einleuchtete, doch das sei gerade die Absicht dabei, wie mir der Zeisig versicherte, das zweite Kriterium streng medizinisch zu handhaben sei – er beurteile seine Kunden nach ihrer Farbfehlsichtigkeit. So könne er schließlich für jede Person das geeignete Kommunikationsprofil entwickeln und die richtigen Dienstleistungen anbieten.
Unterdessen bei der übernächsten Flasche angelangt, setzte er mir sein Spezialgebiet auseinander und dozierte, welche Vorteile runde Ecktische gegenüber eckigen Ecktischen mit runden Hockern hätten, und welchen Einfluß die Dicke des Tischblattes auf die Stimulation des Gesprächsverlaufs habe.
Mag es am Tischblatt gelegen haben, an den Sitzgelegenheiten, oder einfach am Einfluß des gülden schimmernden Getränks – die weiteren Differenzierungen der Marketingstrategie, der Produkt-Markt-Kombination und gar die Unique Selling Proposition des Zeisig zu rekonstruieren will mir nicht gelingen, so sehr ich meinen Kopf auch martere – wo er doch gemartert genug schon ist.
Einzig des Zeisigs Schlußsatz ist mir in Erinnerung beblieben, dass er nämlich jetzt ein Inserat aufgeben würde, viskiyim in großen roten Lettern drauf geschrieben, welch seltsames Wort mir seither im Kopfe geistert, ohne einen Sinn zu machen. Noch zwei, drei, viermal wiederholte er das Wort – und dann war er mit einem Mal verschwunden, eingegangen in der Geist der Flasche, aus der er entstieg.
Du kommst herein. Wie die Tür hinter dir ins Schloß schwingt, gleitet dein Blick die Stufen hinunter, nach vorn, zur Tafel. Du stehst oben – hinten. Die andern: drei, vier, einige sind schon da – sitzen den Rücken zu dir. Nur das Schnallen des Schlosses verrät dein Erscheinen. Denn dich reinkommen sehen können sie nicht. Außer wenn einer vor Langweile den Kopf dreht. Aber das tun sie nicht. Sie sind beflissen, lernhungrig, wissensdurstig. Und arbeitsam. Sie tragen in Koffern, Taschen, Mappen die Bildung mit sich herum. Und all das, was sie gedenken, in ihre Köpfe rein-zutrichtern – wenn du fragst, will es keiner gewesen sein.
Du setzt dich. Hinten. Auf einen Tisch, keinen Schultisch, einen richtigen Tisch – beinahe richtig: stapelbar, dank klapp-baren Beinen. Noch hat sich nichts verändert. Das Brummsen der Stimmen ist nicht lauter geworden. Wenn du möchtest, könntest du sie hören, die andern, könntest du ihre Gespräche belauschen, mitdenken, dich einer intellektuellen Anstrengung bequemen. Doch du tust es nicht. Du bist zu träge dazu. Gefangen von der Trägheit des Raumes, dieses dreidimensionalen Ungetüms, dessen Bestimmung das Trichtern, das Eintrichtern ist, dessen Lebenszweck die Existenz einer Lehranstalt zu erhal-ten ist – einer hoch-eidgenössischen. Du sitzt da, und du spürst, jetzt mußt du schreien, fluchen, mit den Fäusten den Tisch zertrümmern, die Tafel – weit vorn – verschmieren mit Kreidesprüchen, obszönen – bon mots einer andern Dimension. – Und doch geschieht nichts, nichts, …
Die Trägheit hat gesiegt; die Trägheit, dieses unheimliche Attribut des Saales, zwingt dich jedesmal in ihren Bann, kaum hast du die Schwelle überschritten. Noch hast du nichts gegessen, heute. Immer noch sitzt du auf dem Tisch mit den klappbaren Beinen, dessen Stapelbarkeit ihn verwandt macht mit den andern. Stapelbar, endlos reproduzierbar, gleichsam Inkarnation der technischen Norm.
Du kämpfst deinen Kampf allein, un-verstanden, abgesondert. Nur der Tisch – stapelbar – ist dein Fixpunkt in dieser Einöde: Er ist der einzige stapelbare Tisch in diesem Raum…
Du denkst, du kannst aufstehen, hinaus, zurückgehen, von wo du gekommen bist. Doch du hast es vergessen. Mit unsichtbaren Fäden bist du gebunden an diesen Saal, an diese Trägheit, gegen die anzukämpfen vergeblich ist. Und doch tust du es. Du versuchst, sie zu überwinden. Weißt du denn nicht, daß das nicht geht.
Du ißt dein Brot. Mit Schinken. Und Gurken. Lustlos. Du trinkst deine Cola. Aus der Dose. Lustlos. Und du siehst, wie sich die andern vermehren. Einzeln, in Gruppen kommen sie zur Tür herein. Und suchen und finden einen Platz. Irgendwo in der Einöde, die sich vor dir ausstreckt. Und sie gehen in sie ein, verschwinden. Und sie bauen eine Masse, die sich vor dir aufbaut. Du siehtst, wie sie dich anschauen, wenn sie hereinkommen. Du siehst sie eintauchen in die Masse, die sich aufbaut. Aufplustert – ! Und du weißt jetzt plötzlich: das ist die Trägheit, so sieht die Trägheit aus. Sie hat kein Gesicht und viele Gesichter. Sie hat keinen Mund und viele Stimmen. Du hörst sie, du kannst zuhören, denkst du. Aber das geht nicht. Das kann nicht gehen, du weißt es. Und du versuchst es doch. Aber die Trägheit hält dich gefangen. Du bist wie eingepappt in Gelatine. Du fühlst es. Du weißt es.
Nichts hat dir dagegen geholfen, es gibt keinen Ausweg. Du setzt dich hin, und du beginnst zu schreiben – langsam wird dir anders: wie du schreibst, füllt sich die Masse. Sie wird dick und breit und groß. Und du spürtst, wie du aufgesaugt wirst. Wehrlos, regungslos – aufgesaugt, eingeschlürft in die Masse. Du siehst, wie du verschwindest.Aus-gelöscht als Individuum. Verschwunden aus deiner Realität … Eingegangen in die Masse. Nicht mehr existent.Nur der Tisch steht noch da – mit den klappbaren Beinen.


