'Academia'
Es ist sinnvoll, dass die hehre Akademia sich bemüht, ihre Erkenntnisse nicht nur für sich zu behalten, sondern auch unters Volk zu bringen. Es ist nützlich, wenn es dazu universitäre Pressestellen gibt, die sich der Verbreitung dieser Erkenntnisse verschrieben haben. Es ist dann oft auch lustig, zu lesen, was dieser oder jene Student oder diese und jene Professorin Neues entdeckt haben.
Manchmal aber übersteigt die Sinnlosigkeit einer Meldung deren Nachrichtengehalt, so als uns heute die Mitteilung der Bauhaus-Uni Weimar erreicht: “Brauchen Hühner Massagen? — Internationale Tagung ‘Mensch & Computer. beschäftigt sich mit der Gebrauchstauglichkeit von Computern im Alltag”. In seinem Eröffnungsvortrag werde Professor Dr. Adrian David Cheok, Direktor des Mixed Reality Labs der National University of Singapore, am 3. September ab 9.30 Uhr ein Kleidungsstück für Hühner präsentieren, in das Vibrationselemente eingebaut sind, damit man die Hühner vom PC aus streicheln könne. Oder so ähnlich jedenfalls; denn: Hühner nehmen in Asien Haustierstatus ein. Offenbar ganz im Unterschied zu Europa, meint jedenfalls Pressesprecherin Claudia Weinreich.
Immerhin ist hinzuzufügen, dass das Programm “Metazoa ludens” zwar einen schauerlichen Namen hat — der Lateiner ist ganz offensichtlich mit dem Griechen im Clinch — aber von unseren fernöstlichen Mitwissenschaftlern durchaus ernsthaft betrieben wird. Unter http://metazoaludens.wikidot.com/ ist zum Beispiel das Laborjournal “Spielen mit Hamstern” einzusehen. Am 18. Mai ist zum Beispiel zu lesen, dass Hamster J langsam rennt und Zeichen von Zertreuung zeige, sie müsse nun ein spezielles Training absolvieren, das sie an ihre Mitspielerrolle erinnere …
Uns erinnert das an die übelsten Zeiten Pawlowscher Hundekonditionierung — mit dem Unterschied, dass Pawlow mit dem Hund den Menschen zu erklären suchte, während Derek, Elvin, Janaka, Janyn, Joyce, Karthik, Max, Muratti, Roger und Roshan eigentlich nur spielen wollen…
Die Saar Uni brüstet sich in einer Pressemitteilung mit einer Software, welche die Ähnlichkeit von Software messen kann. Damit wollen die Autoren herausfinden, ob ein Programmierer beim anderen SW geklaut hat.
“Das Besondere von API BIRTHMARK ist, dass es das Verhalten, aber nicht die Form einer Software bewertet”, schreibt die Saar Uni. Und damit sind wir wohl bereits beim Kern des Problems angelangt — bei der Diskussion um die Schützbarkeit von Software.
Software ist an sich primär urheberrechtlich geschützt — das heisst also: ihre Form ist geschützt. Weil API BIRTHMARK die Form *nicht* bewertet, fällt eine Anwendung schon mal flach. “Nachdichten” von Software ist kaum zu verbieten, solange nicht die Form identisch oder nahezu identisch ist.
Stellt sich die Frage nach dem Patentschutz. Ob Patentschutz für SW sinnvoll oder sinnlos ist, sei mal dahingestellt, — nur wenn ein Patent erfolgreich angemeldet ist (was nach dem Scheitern der entsprechenden EU Direktive schwieriger werden sollte), schützt es die Software. In der Patentschrift wäre dann bereits das Verhalten der SW beschrieben. Welche Überlegungen man vor dem Patentieren von SW anstellen soll, beschrieb unlängst die WIPO.
Man fragt sich also, was API BIRTHMARKING eigentlich soll. Nach der Beschreibung ist es in der Lage, automatisch generierte “Nachdichtungen” von SW zu erkennen. Solange man weiss, dass es sich um automatisch generierte “Nachdichtungen” handelt, ist das prima. Mit dem Resultat einer (beliebigen) “Verhaltens”übereinstimmung konfrontiert scheint es mir allerdings fraglich, ob daraus eindeutig ein “Nachdichten” vermutet werden kann. Denn nur ein “Nachdichten” kann geahndet werden. Softwaretechnisches Erzielen desselben oder eines ähnlichen “Verhaltens” kann nur im Falle eines Patentschutzes geahndet werden, nicht aber nach urheberrechtlichen Massstäben.
In erster Linie wird also API BIRTHMARKING Juristenfutter produzieren. Die jedenfalls werden es der Saar Uni danken.
Hallo Forschung, hallo Anke, Nadine und Kuno, hallo ETH Welt. Ich bins, ja ich, die Forschungsrealität. Nett, euch gedruckt, sozusagen, im Cyberspace zu sehen, euch zu treffen in dieser niedlichen ETHLife Lounge.* Mich, mich kennt ja jeder. Und jede. Und ich bin keine Freundin von Doktoranden, zumindest nicht a priori.
Damen fragt man nicht nach dem Alter, lieber Kuno – ich darf dir Jöö sagen, ja. Bist ja schon attraktiv, mein Kleiner. Aber lass dir das mal nicht in den Kopf steigen. Die Welt ist nicht so rational, wie du sie gerne siehts. Ja, ja, ja, ja. Meilensteine. Fragestellungen. Realistischer Zeitplan. Weisst du, als ich noch jung war … hach, da waren die Forscher noch vom Entdeckergeist beseelt. Sie wollten noch die Welt erklären. Galileo, Isaac, das waren noch Kerle, echte Männer, mit Leib, Hirn und Seele der Wissenschaft verschrieben. Forschungserotik, mein Süsser, Forschererotik…
(Man hört ein leises Knurren, das anscheinend unter einem der Salontische in der virtuellen Begegnungs-Lounge seinen Ursprung hat. Yolanda Forschungskultur zischt ein scharfers “ssssst!” in seine Richtung.)
Was sich heute Wissenschaft nennt, mein Lieber, das ist doch viel zu oft mehr Topf als Kopf orientiert. Und dann dieser Wahn der Beherrschbarkeit, der Voraussehbarkeit, des “manageable”. Und du mitten unter ihnen – ein Ausbund gar des Glaubens an die Planbarkeit. Selbst der linke Trottel Bert Brecht hat es erkannt (oder zumindest die Erkenntnis einer seiner Ghost-Writerinnen nicht weg-editiert): “Ja mach nur einen Plan, sei nur ein grosses Licht, und mach noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.” Oder wie einer meiner Liebhaber zu scherzen pflegte: “Planung ist das Ersetzen des Zufalls durch den Irrtum”.
(Wieder dieses Knurren, lauter diesmal, eher ein Grunzen gar, und nochmals das scharfe “sssst!” der Yolanda.)
Vergiss es, Jöö – Kuno! – vergiss es. Die Forschungsrealität ist eine andere. Wir glauben nicht an Felsen in der Brandung. Wir glauben nicht an Pläne, hinter denen “Schöpfer und Betreuer voll stehen”. Die Forschungsrealität ist eine andere. Lieber Jöö: wer zahlt, befiehlt. Das ist nicht nur in der sogenannten “freien Wirtschaft” eine Realität. Das ist auch in der Freiheit der academia Realität.
Und die, die zahlen, halten sich öfter mal bedeckt darüber, wofür sie denn gerne zahlen würden. Um dann irgendwann, gerne anfangs Sommer, nochmals eine Viertel Milliarde zu finden, die sie gerne nutzbringend an die forschende Klasse almosenartig vergeben wollen würden. Hast du noch nie bemerkt, wie nach solchen Ankündigungen Betreuer (und manchmal auch Doktoranden, unter Anleitung, versteht sich) in fieberhafte Aktivität verfallen, das “gemeinsame” Vorhaben so umzudichten, dass es die urplötzlich aus der machina der Forschungsförderung erbrochenen Kriterien geradezu übererfüllt? Nein? Du musst noch viel lernen, Jöö!
Jöö: hör mir mal zu… (das Grunzen unterbricht sie, “ssssssst!!” faucht sie zurück) … Jöö: ich kann deinen Optimismus nachfühlen. Auch ich war mal jung und optimistisch. Doch heute … (wieder das Grunzen) …weisst du, Jöö, ich will dir was sagen. (In Richtung des Grunzens: “ja, komm mal vor, Schnuggi…” – unter dem Salontisch wälzt sich ein Vieh hervor wie eine Mischung aus Möchte-Gern-Wildschwein und ungeschickt kastriertem Bullterrier) … Jöö: das ist das Technologietransferkel (grunz wuff wuff – das TTFerkel wedelt mit dem geringelten Schwanzstummel, fast süss, und verdreht die Augen; Jöö ist perplex).
Lieber Jöö – seitdem sie mir dieses TTFerkel als Haustier aufgezw … angeboten haben, ist es überhaupt aus mit der alten Forschererotik. Es ist immer dabei. Es erheischt immer Aufmerksamkeit. Vor ihm gibt es keine Geheimnisse, keinen freien Gedanken mehr. Ich, Yolanda, Forschungsrealität, ich konzentriere mich bei jedem Schritt, bei jedem Gedanken, bei jeder Äusserung auf die Bedürfnisse von diesem Vieh. Denn wer zahlt, befiehlt. Und das TTFerkel verspricht, zu zahlen. Oder vielmehr: andere zahlen zu lassen. Denn (flüsternd:) so hässlich es aussieht, es hat Beziehungen zu reichen Leuten (das TTF kläfft laut…) …
Lieber Jöö, ich bin zwar mittlerweile eine alte Schachtel. Und du hast ja recht, dass es nützlich ist, sich öfter mal zu fragen, ob man wohl das noch tut, was man zu tun sich zum Ziel gesetzt hat. Und so im Kleinen – habe ich denn meine Literatur gelesen, meine Experimente geplant, meine Stichprobe gefunden – ist das ja ganz nützlich. Doch so im Grossen, lieber Jöö, und auch deine Doktoranden könne sich dem Kontext nicht entziehen, im Grossen schauen wir lieber erst mal danach, wer das Geld gibt, und was die dafür wollen. Vergiss nicht, du bist das letzte Glied in der Nahrungskette, und schon dein Betreuer frisst dich auf, wenn er vielleicht von seinem Boss und der von seinem Geldgeber gefressen wird, falls falsche Resultate kommen… (wieder kläfft das TTF) … vor der Macht des Mammons, lieber Jöö, müssen ehrenhafte wissenschaftliche Ansprüche verstummen,…
(Nun bellt und grunzt das TTF wild durcheinander und rennt wie ein Berserker in der Lounge umher, und durch den Tumult sind nur noch Bruchstücke zu hören) …vergiss es… …Marktgängigkeit… …Industriebezug… …Venture Capital… …intellektuelles Proletariat… …die Welt ist – Scheibe… …Grossindustrie… …Interessenkonflikt?… …Lobbying… …Graduate-School… …Brainwash… …Ethik… …Verrat…
* Im ETH-Life, dem PR-Organ der ETH Zürich, erschien am 4. Juli 2007 eine Kolumne von Anke Neumann und Nadine Schüssler mit dem Titel: Lies mal, wer da spricht – jöö, ein Forschungsplan . Anke und Nadine treffen im Gespräch auf “Kuno Forschungsplan”, der ihnen erklärt, warum er so sinnvoll sei. Anke und Nadine kommen zum Fazit, ein Forschungsplan sei eine gute Sache, man müsse ihn aber ernst nehmen.
Obiger Text erschien am 4. Juli 2007 im ETH Life Forum unter dem Titel Topf orientierte Forschung



